Jörg Hein, Karl Otto Hentze (Hrsg.)
Das Unbehagen in der (Psychotherapie-) Kultur
1. Auflage 2007, 264 Seiten, broschiert 24,80 €
ISBN: 978-3-931589-81-3
Das Motiv des Symposiums „Das Unbehagen in der (Psychotherapie-) Kultur“, das am 17./18. März 2006 in Bonn stattfand, war einfach wie nachdrücklich: es ging um die Überwindung der psychotherapeutischen Schulen und gegen die politischen und wissenschaftlichen Trends einer mehr und mehr empiristischen Psychotherapie.
Doch dann geriet das Symposium mitten ins Zentrum psychotherapie-politischer Turbulenzen. Zeitgleich war der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen (G-BA) mit der Neukonzipierung der Psychotherapierichtlinien befasst, in der es um nicht weniger ging, als den Verfahrensbegriff der Psychotherapie zugunsten von „Methoden und Techniken“ aufzulösen. Zudem sollte die Anerkennung dieser selektiven Methoden und Techniken an die Wirksamkeit bei häufig vorkommenden psychischen Störungen gekoppelt werden.
Hier sahen sich die Teilnehmer des Symposiums in ihrer psychodynamischen, humanistischen oder systemischen Tradition aufgerufen ein Zeichen zu setzen. Sie setzten die „Bonner Erklärung“ auf, die sich gegen das Vorhaben des G-BA wendet. In den darauf folgenden Wochen unterzeichneten mehr als 3.000 Psychotherapeuten diese Erklärung – etwa 10% der gesamten Psychotherapeutenschaft! Darin wenden sich die Unterzeichner im Kern „gegen die Zergliederung von Psychotherapieverfahren in Verfahren, Methoden und Techniken und gegen die ausschließende, diagnosebezogene Zuordnung von Psychotherapieverfahren“.
Der vorliegende Tagungsband ist somit das Kompendium einer Psychotherapiekultur – gegen jenes Effizienzdenken in der Psychotherapie, das fern ganzheitlicher Zusammenhänge agiert. Die vielgestaltigen Referatsthemen bündeln sich in einem der Grundthemen von Psychotherapie: systemische Perspektive versus mechanistisches Naturverständnis. Es geht u.a. um jene Aspekte, die aktuell das Selbstverständnis von Psychotherapie ausmachen und zukünftig zur Integration der Therapieverfahren beitragen können:
Schließlich enthält der Tagungsband den vollständigen Wortlaut der Originalfassung der „Bonner Erklärung“. Dieser engagierte Sammelband ist damit nicht nur ein einzigartiges Zeitdokument. Es stellt zugleich eine Ideenquelle für die tagtägliche Praxis dar – ganz gleich welchem Therapieverfahren Sie in Ihrer psychotherapeutischen Tätigkeit verpflichtet sind.
Fachstimmen:
„So ist dieser Tagungsband all denjenigen Lesern sehr zu empfehlen, die sich anregen lassen möchten, das gegenwärtige Unbehagen in der (Psychotherapie-)Kultur unter verschiedenen Perspektiven zu betrachten, um dabei neue Sichtweisen kennen zu lernen und einen eigenen Standpunkt zu finden. Den Herausgebern ist zu wünschen, dass ihr Buch viele Leser findet, so dass sie sich ermutigt fühlen, ein Nachfolge-Symposium zu initiieren, auf dem die notwendige Diskussion zum Thema fortgesetzt wird.“ Gesprächspsychotherapie und Personenzentrierte Beratung 3/07, S. 174 f.
„Die herausfordernde Frage ist: Wollen wir die so genannten Störungen – korrekt ‚Symptome’ – behandeln, oder wollen wir den Menschen mit seinen Symptomen behandeln? […] Psychotherapiepatienten können und dürfen nicht auf die Manifestation einer Störung reduziert werden. Der Mensch – nicht sein Symptom – muss im Mittelpunkt der Psychotherapie stehen. Patienten sind zuvörderst Menschen in ihren historischen und aktuellen Lebenszusammenhängen, mit unterschiedlichen Lebensentwürfen und Zugangsweisen zur Welt. Mündige Patienten haben einen Anspruch darauf, ein entsprechendes psychotherapeutisches Angebot vorzufinden und wählen zu können, statt in ein eindimensionales Therapie-Korsett gezwängt zu werden, das ihnen ggf. nicht passt. Die symptombezogene Ausmessung von Verfahren ist ein Irrweg!“
Karl Otto Hentze in seiner Begrüßungsansprache
„Mit einem Symposium zum ‚Unbehagen in der (Psychotherapie-) Kultur’ ging es im März los, rund 2.800 Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten unterzeichneten die ‚Bonner Erklärung’, ein Experten-Hearing im April folgte, Kommentare luden zum Gegenkommentar ein – zur kritischen Diskussion stand und steht die Reform der Psychotherapierichtlinien.“
Heinrich Bertram, Bundesvorsitzender des VPP, zum „heißen Frühjahr 2006“ bei der Debatte um die Psychotherapierichtlinien, Report Psychologie 8/2006 Mehr zur "Bonner Erklärung": http://www.vpp.org/meldungen/06/60319_bonner_erklaerung.html
Mehr zur "Bonner Erklärung": http://www.vpp.org/meldungen/06/60319_bonner_erklaerung.html