Haben Sie noch Fragen?

Ihr direkter Kontakt zum Verlag:
verlag@psychologenverlag.de
Telefon: (030) 209 166 410
Sie erreichen uns montags bis donnerstags von 9:00 – 17:00 Uhr und freitags von 9:00 – 13:00 Uhr.

Nachrichten

Wann verbreiten wir fremde Meinungen weiter?

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung untersuchten in Experimenten das Phänomen der sozialen Ansteckung.

Wann verbreiten wir fremde Meinungen weiter? |

Ob wir jemandem glauben und seine Meinung übernehmen und weiterverbreiten, hängt von vielen sozialen Faktoren ab, etwa davon, ob wir Ähnliches schon aus anderen Quellen gehört haben oder wie sehr wir den betreffenden Menschen mögen. Doch was sorgt darüber hinaus dafür, dass sich einige Meinungen und Urteile schneller und weiter verbreiten als andere? Dies untersuchten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Charité Berlin in einer aktuellen Studie.

Experimente im Labor

Dafür entwickelten sie zwei Experimente, an denen insgesamt 100 Probanden teilnahmen, die sich zuvor nicht kannten. Die Teilnehmer absolvierten jeweils 15 Durchläufe der gleichen visuellen Wahrnehmungsaufgabe: In Interaktion mit einem zufällig zugeordneten Partner sollten sie beurteilen, in welche Richtung sich die Mehrzahl von 50 Punkten auf einem Computerbildschirm bewegte. Alle Probanden saßen dabei vor einem eigenen Bildschirm.

Einfluss steigt mit zunehmender Interaktion

Beide Partner gaben in jeder Runde ein Urteil ab. Einer von beiden bekam jedoch die Möglichkeit, sein Urteil mit dem des anderen abzugleichen und gegebenenfalls noch einmal zu ändern. Zudem konnte er sehen, ob der andere jeweils besser oder schlechter als er selbst abschnitt. Dabei beeinflussten die Wissenschaftler das Ergebnis, indem sie den Partnern – ohne dass diese es wussten – Aufgaben mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad gaben.

Die Ergebnisse zeigen, dass der Einfluss einer Person auf eine andere umso mehr zunimmt, je länger sich beide kennen: Zu Beginn tendierten die Probanden dazu, das Urteil ihres Partners zu ignorieren, während sie nach mehrfacher Interaktion stark davon beeinflusst waren. Das passierte jedoch nur, wenn der Urteilssender bei den gestellten Aufgaben auch durchweg besser abschnitt als der Empfänger. Es zeigte sich zudem, dass die Probanden die Irrtümer der anderen Person als schwerwiegender bewerteten als ihre eigenen.

Einfluss auch im indirekten Kontakt

Im einem zweiten Experiment untersuchten die Wissenschaftler die Urteilsweitergabe über mehrere Personen hinweg. Der Testablauf war der gleiche wie im ersten Experiment, jedoch mit einer Kommunikationskette aus sechs Probanden, die jeweils nur mit ihrem Vordermann interagierten. Die erste Person in der Kette war immer im Vorteil, da sie die Aufgaben mit dem geringsten Schwierigkeitsgrad bekam.

Es zeigte sich, dass das Urteil der ersten Person nicht nur die nächste beeinflusste, sondern auch weitere Personen, die keinen direkten Kontakt hatten. Allerdings nahm der Einfluss mit der Distanz zur Urteilsquelle ab und war nach mehr als drei Personen nicht mehr messbar.

Verständnis sozialer Verbreitungsprozesse

Die Forscher hoffen, mit ihren Ergebnissen zum allgemeinen Verständnis von sozialen Verbreitungsprozessen beitragen zu können. Es sei bemerkenswert, dass Menschen nicht nur auf die Urteile ihrer Freunde einen großen Einfluss haben können, sondern auch auf die Meinung von deren Freunden und den Freunden dieser Freunde.

Literatur

Moussaïd, M., Herzog, S.M., Kämmer, J.E. & Hertwig, R. (in press). Reach and speed of judgment propagation in the laboratory [Abstract]. Proceedings of the National Academy of Sciences.

20. April 2017
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Symbolfoto: © Petr Vaclavek – Fotolia.com

 

« zurück

Literatur zum Thema

Bewusstsein - Unbewusstes

Was wissen wir? Wie können wir dieses Wissen nutzen? Wer oder was sind wir wirklich? Praxisbezogene Grundlagen und Antworten nicht nur für Psychotherapeut(inn)en

von Udo Boessmann (Hrsg.)