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Algorithmische Verirrungen

„Seit der Jahrtausendwende können wir den psychogenetischen Code berechnen, ohne mit der Zielperson in Kontakt zu kommen“, behauptet Suzanne Grieger-Langer. Schon Name, Geburtsdatum und ein Foto genügten. Dann suche man aus dem Internet alles, was es zu der Person gibt und berechne mit Hilfe von Algorithmen das „Charakterprofil“. Darin erkenne man zum Beispiel wie jemand mit Geld umgeht oder ob er loyal gegenüber seinem Unternehmen sein kann und damit wählt Grieger-Langer auch Führungskräfte für Unternehmen aus. Psychogenetischer Code? Berechnen? Aufmerksam lauschten rund 30 HR-Mitarbeiter „Profilerin Suzanne“ auf der Konferenz „Digital Mind Change“ in München. Kritische Nachfragen? Fehlanzeige.

Algorithmische Verirrungen |

„Ich bin Psychologin, Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin“, behauptete Grieger-Langer, die sich gern auf das FBI und die GSG 9 bezieht. Ein detaillierter Lebenslauf lässt sich nicht finden. Laut ihrem Xing-Profil ist sie Diplom-Pädagogin mit Ausbildung in Transaktionsanalyse. „Manche Personen kann man in drei Minuten lesen“, erklärte sie vor einiger Zeit gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Das sei eben wie bei der DNA, wo auch schon eine Hautschuppe genüge. Manchmal sei auch ein 20 Jahre altes Foto ausschlaggebend. Aber auch Körperform, Frisur, Brillentyp und Stimme würden analysiert. Wie das genau funktioniert, bleibt natürlich ein Geschäftsgeheimnis.

Auf das beruft sich auch Faception. Das israelische Start-up behauptet, seine Software könne mit 80prozentiger Genauigkeit allein am Gesicht erkennen, ob eine Person ein Terrorist, ein Pädophiler oder ein Wirtschaftskrimineller ist. Ein Foto oder ein Kamerabild genügen. Die Software ordnet die Gesichter anhand biometrischer Daten bestimmten Typen zu. So leide ein Terrorist unter hoher Angst und Depression, sei introvertiert, emotionslos, berechnend, pessimistisch, habe ein geringes Selbstwertgefühl und sei launenhaft, heißt es auf der Website. Ein Wirtschaftskrimineller habe einen hohen IQ und ein hohes Charisma, aber ein niedriges Selbstwertgefühl, sei ängstlich, angespannt und frustriert, ambitioniert und dominant.

 „Wir verstehen Menschen besser als andere Menschen sie verstehen“, erklärt Shai Gilboa, CEO von Faception. „Unsere Persönlichkeit wird durch unsere DNA bestimmt und zeigt sich in unserem Gesicht.“ So sei es bereits möglich, allein aus der DNA einige Schlussfolgerungen über das Aussehen von Verdächtigen zu machen. Im Klartext: Ob ich ein Terrorist, Pädophiler oder Wirtschaftskrimineller bin, liegt an meinen Genen.

Alexander Todorov, Psychologieprofessor an der Princeton University in New Jersey und einer der renommiertesten Forscher zur Gesichtswahrnehmung, hat es kommen sehen. Dank moderner Technologien gewinnt die alte Pseudolehre der Physiognomie, bei der man angeblich anhand von Schädelform und Nase die Persönlichkeit eines Menschen entschlüsseln kann, wieder neuen Aufschwung. Computerprogramme vermessen das Gesicht. Algorithmen analysieren die Daten. „Physiognomie in neuen Kleidern“ heißt ein Forschungspaper, in dem der Wissenschaftler vor dem Unfug warnt. „Gesichter liefern uns keine Landkarte für die Persönlichkeit“, betont der Psychologe. „Die Eindrücke sind nur ein Spiegel unserer eigenen Vorurteile und Stereotypen.“

Dem Erfolg von Faception tut das keinen Abbruch. Dort arbeitet man nach eigenen Angaben bereits mit Regierungsbehörden und internationalen Sicherheitsorganisationen wie dem amerikanischen Heimatschutzministerium, aber auch mit Finanzinstituten zusammen. Da darf man gespannt sein, wann die ersten HR-Manager die Software im Recruiting einsetzen. Schließlich will Faception durch seine Gesichtsanalyse auch den „Bingo Player“ identifizieren können. Das sind Typen mit höchsten mentalen Fähigkeiten, Konzentrationsstärke, ausgeprägten analytischen Fähigkeiten, einem Hang zur Kreativität, hoher Vorstellungskraft und scharfem Verstand - und damit eigentlich ideal für einen Managementposten.

Bei Precire setzt man dagegen auf die Sprache. Dabei muss man etwa zehn Minuten willkürlich vom Computer ausgewählte und gestellte Fragen (Wie haben Sie Weihnachten verbracht?) am Telefon beantworten und daraus errechnen die Algorithmen ein detailliertes Persönlichkeitsprofil. In der menschlichen Sprache seien Informationen enthalten, die allerdings in der menschlichen Sprach-DNA verschlüsselt und somit nicht einfach herauszuhören sind, schreibt eine Beraterin und Promoterin des Tests. „Die Sprach-DNA kann Precire bis ins kleinste Detail analysieren.“

Auf der Website heißt es: „Die wissenschaftliche Fundierung von Precire ist das Kernstück der Technologie: Zahlreiche Validierungsstudien (intern, extern) sichern das Verfahren ab.“ Doch die rückt Precire beharrlich nicht heraus. Ob sie vielleicht einer kritischen Bewertung nicht standhalten und allenfalls HR-Manager mit beschränktem Diagnostikkenntnissen beeindrucken?

Beim Flughafenbetreiber Fraport weiß man offenbar mehr. Dort werden mit Hilfe von Precire sogar Aussagen über 18 Leadership-Eigenschaften der eigenen Führungskräfte getroffen. „Der Ansatz beruht auf einer seriösen und validen empirischen Fundierung“, schreibt Volker Casper, Leiter des Bereichs Top Executive Development. Bei HR-Managern kommt das gut an. Für sein Leadership-Programm mit Sprachdiagnose bekam Fraport vor kurzem den Deutschen Personalwirtschaftspreis.

Weitere Information

Bärbel Schwertfeger, Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell, spürt Absurditäten, Absonderlichkeiten und Fehltritte in der HR-Welt auf. Lesen Sie weitere Beiträge im Archiv „Ärger des Monats“.

13. November 2017
Quelle: Wirtschaftspsychologie aktuell
Symbolfoto: © Andrey_Arkusha – Fotolia.com

 

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