Haben Sie noch Fragen?

Ihr direkter Kontakt zum Verlag:
verlag@psychologenverlag.de
Telefon: (030) 209 166 410
Sie erreichen uns montags bis donnerstags von 9:00 – 17:00 Uhr und freitags von 9:00 – 13:00 Uhr.

Nachrichten

Vermessen und fremdgesteuert?

Die chinesische Regierung plant bis 2020 jedem Bürger einen Sozialkredit-Wert zuzuordnen. Dieser Super-Score wird derzeit mit modernster Computertechnologie von kommerziellen Firmen entwickelt und soll die Vertrauenswürdigkeit von Bürgern in finanzieller, rechtlicher und politischer Hinsicht messen. Bürger mit einem hohen Score sollen durch Vorteile belohnt werden wie bei einem Vielfliegerprogramm. Jene mit einem niedrigen Score dürfen z.B. keine schnellen Züge mehr benutzen oder ihre Kinder nicht auf die besten Schulen senden.

Vermessen und fremdgesteuert? |

Gutachten warnt vor wachsendem Scoring-Potenzial 

Auch wenn die Einführung eines solchen Sozialkredit-Systems in Deutschland nicht absehbar ist, warnen Wissenschaftler wie der Psychologe Prof. Dr. Gerd Gigerenzer und Prof. Dr. Gerd G. Wagner in einem Gutachten des Sachverständigenrates für Verbraucherfragen vor dem – durch Datenhändler und durch Möglichkeiten der De-Anonymisierung von Datensätzen – wachsenden Potenzial, aus kommerziellen Gründen Daten aus verschiedensten Lebensbereichen in einer Datenbank und in einem Unternehmen zu vereinen. Dies könne sogar auf freiwilliger Basis geschehen, wenn sich Menschen dadurch individuelle Vorteile versprechen.

Scoring-Algorithmen bilden heute bereits die Basis für Entscheidungen darüber, wer auf Kredit kaufen und wer nur auf Vorkasse bestellen darf. In der Kfz-Versicherung begegnen uns Scoring-Verfahren in Form von Telematik-Tarifen. Algorithmen beurteilen das Fahrverhalten und bestimmen mit darüber, wie teuer der Versicherungsschutz für den Autofahrer ist. Viele Krankenversicherungen vergeben für bestimmte Verhaltensweisen ihrer Versicherten einen Bonus.

Auch methodisch hochwertigste Scoring-Verfahren sind fehleranfällig

Die Kritik der Sachverständigen richtet sich nicht gegen das Scoring an sich. Vielmehr weisen die Autoren des Gutachtens darauf hin, dass selbst methodisch hochwertigste Scoring-Verfahren unzulängliche oder gar falsche Ergebnisse liefern können, wenn die Eingabedaten fehlerhaft sind. Als Beispiel verweisen sie auf einen Gesundheitsscore, in den gesundheitsschädliches Verhalten wie Rauchen nur mit einem geringen Gewicht, Aktivitäten, deren Gesundheitsnutzen nicht erwiesen ist, aber mit hohem Gewicht eingehen. Außerdem müssten Scoring-Verfahren funktionieren, ohne verbotenerweise zu diskriminieren, indem sie für bestimmte Bevölkerungsgruppen systematisch unzuverlässige Ergebnisse liefern. Stellvertreter-Merkmale, z.B. die Wohngegend, in der jemand lebt, sieht der Sachverständigenrat kritisch. Ungerechtfertigte Diskriminierung sei ein immer wieder auftretender systematischer Fehler, durch den eine Gruppe von Verbrauchern fälschlicherweise systematisch niedrige oder höhere Score-Werte erhält. Neben dem erwähnten Geo-Scoring würden Geschlecht und Alter, Schichtarbeiter oder Stadtbewohner unterschiedlich bewertet.

Transparenz und Verständlichkeit empfohlen

Im Mittelpunkt der im Gutachten formulierten Empfehlungen stehen Transparenz und Verständlichkeit von Scoring. Verbraucher sollten darüber informiert werden, wenn sie gescort werden und aus welchen Merkmalen sich ihr persönlicher Score zusammensetzt. Für das Erleben und Verhalten von Menschen spiele das nicht nur aus psychologischer Sicht eine große Rolle. Aufsichtsbehörden müssten das gesamte Scoring-Verfahren prüfen und die Wirkungen von Scoring kontrollieren können. Die zuständigen Aufsichtsbehörden sind dem Gutachten zufolge mit ihrer gegenwärtigen personellen und technischen Ausstattung dazu nicht annähernd in der Lage. Deswegen empfehlen die Sachverständigen ihren gezielten Ausbau.

Zu den Grundlagen des Gutachtens gehören zwei empirische Untersuchungen. Eine nimmt die Praxis von Scoring-Anbietern in drei Marktbereichen (Auskunfteien, Kfz-Versicherungen, Krankenversicherungen) in den Blick. Bei der zweiten handelt es sich um eine repräsentative Befragung von über 2.000 Teilnehmern zu Wissen und Wertungen zum Thema Scoring. Letztere habe einen hohen Aufklärungs- und Erklärungsbedarf deutlich gemacht. Fehlendes Wissen und Verstehen führe zu Unsicherheit und Verunsicherung, so die Verfasser.

Weiterführende Informationen

SVRV (2018). Verbrauchergerechtes Scoring. Gutachten des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen. Berlin: Sachverständigenrat für Verbraucherfragen. Hier online verfügbar

Homepage des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen

13. November 2018
Quelle: Sachverständigenrat für Verbraucherfragen (SVRV)
Symbolfoto: © markus-spiske – unsplash.com

 

« zurück

Literatur zum Thema